Verfassung der Republik Reinprechtsdorf

§1

Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.

§2

Deborah Molin Pradel und Silvio Molin Pradel, die Besitzer des Eissalons am Schwedenplatz, haben das Recht, sich ein Wettcafé ein der Reinprechtsdorfer Straße auszuwählen, um unserer Republik Tichys Eismarillenknödel zu ersparen.

§3

Feuermauern, sonstige Mauern und freie, vertikale Flächen von Reinprechtsdorf müssen von den BewohnerInnen mit Graffiti versehen werden. Bleiben dafür geeignete Flächen unbesprayt, werden sie aus präventiven Gründen mit den misslungenen Coverseiten des Augustin beklebt. Die Ausgabe mit der Gelungenen ist vergriffen.

§4

Auch wenn dich dein Auge zum Bösen verleitete, beispielsweise zum Betreten eines Wettcafes wider besseres Wissen nach dem Anblick des Werbeplakates mit Toni Polster, sollst du es nicht herausreißen und wegwerfen, wie es da Matthäus Evangelium an der Stelle «Einäugig zu leben ist besser als mit 2 Augen in der Hölle zu schmoren» befiehlt. In der Republik Reinprechtsdorf sind Kirche und Hölle getrennt.

§5

Wer zwei übereinandergestülpte Hüte trägt und seine Krawatte als Hosengürtel benutzt, kommt in die engere Auswahl für den Posten des Oberamtsrats der Republik Reinprechtsdorf.

§6

In der gesamten Länge der Reinprechtsdorfer Straße wird Versuchen von Künstlerinnen und Clochards, sich gegenseitig anzupassen, die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt.

§7

Auch wenn die Geier über der Reinprechtsdorfer Straße kreisen, ist das kein Zeichen dafür, dass unsere Republik mit Aas bevölkert ist. Vielmehr lieben die Geier das Kebab von Mahmud. Der Tag wird kommen, sie werden herabstürzen und wir werden baff sein.

§8

Himmel und Erde und sogar Ottakring werden vergehen, aber die Verfassung von Reinprechtsdorf bleibt bestehen.

§9

Die Oberschulbehörde der Republik Reinprechtsdorf standardisiert die Mathematik-Matura-Aufgabe. 17 Spielcasinos auf 1 Straße sind um 17 zuviel. Um wie viel zuviel sind 23 Spielcasinos in 2 Straßen?

§10

Die verwegensten Leute in der Republik Reinprechtsdorf sind die Alten: Sie haben keine Angst vor der Zukunft. Die einzige Angst, die sie haben, ist die Angst vor der Hausordnung im Pensionistenheim. Die Republik Reinprechtsdorf schließt die Pensionistenheime und hängt die Hausordnung in das Museum der Folter.

§11

Reinprechtsdorf kennt keinerlei Türkenbelagerungen. Den Kaffee brachten kurdische Einwanderer ins moderne Reinprechtsdorf. Das historisch erste Reinprechtsdorf starb aus, weil es ohne Osmanen tödlich langweilig war.

§13

Das Glückspiel hat zwei Seiten: eine schlechte und eine noch schlechtere.

§14

Die Reinprechtsdorfer sehen, wenn sie sich im Spiegel betrachten, desillusionierte Rebellen. Eine parlamentarische Kommission berät seit Monaten, unter welchem Vorwand sich die Spiegel abschaffen ließen. Unter keinem, sagt der linksradikale Zweig.

§15

Der Bloomsday wird zum wichtigsten Feiertag der Republik Reinprechtsdorf erklärt. Die Voraussetzung, dass der 16. Juni nie auf einen Freitag den Dreizehnten fallen darf, ist laut Auskunft der Meteorologen erfüllt.

§16

Die Freiheit der Republik Reinprechtsdorf ist weder den Kommunisten noch den Sozialisten zu verdanken. Beide Kräfte warteten traditionsgemäß auf den richtigen Moment. Der richtige Moment kommt aber nie.

§17

Die öffentlichen Verkehrsmittel der Republik haben erste, zweite und dritte Klasse, zumindest bis zur Überwindung der Klassenunterschiede. Der Bus 3. Klasse ist eine Notwendigkeit. Er trennt den Bauern nicht von seinem Schwein und er bringt sie beide ohne Gewichtsverlust auf den Markt (am Siebenbrunnenplatz).

§18

Das Kulturministerium der Republik Reinprechtsdorf fordert die SchriftstellerInnen auf, die tödliche Wirkung des Sonntagnachmittags zu beschreiben, der auch in der Republik Reinprechtsdorf Woche für Woche eine Generalprobe für den Weltuntergang ist und der die Republik Reinprechtsdorf wie Nagasaki aussehen lässt.

§19

Die Fußballer des Nationalteams der Republik Reinprechtsdorf dürfen bei der feierlichen Eröffnung des Spieles auch das Lied der Schlümpfe singen; sie dürfen es aber auch nicht singen.

§20

Die Gastfreundschaft der Republik Reinprechtsdorf erstreckt sich auch auf die meistgehasste Figur der Popkultur des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Yoko Ono.

§21

In der Republik Reinprechtsdorf leben unzählig viele Menschen, die keine Reinprechtsdorfer sind, und das ist auch gut so. Einige von ihnen singen pausenlos «The Fields of Athenry», und das ist noch besser.

§22

Der Öffentliche Rundfunk der Republik Reinprechtsdorf dreht die Folgen 20 bis 25 der Krimiserie «Kottan ermittelt», deren Fertigstellung der ORF verhinderte. Die 25. Folge endet mit der Wiederauferstehung des Autors Helmut Zenker.

§23

Die Alltagswelt der Republik Reinprechtsdorf ist aufregend und anregend. Alles, was junge Menschen fürs Leben brauchen, lernen sie im Alltag und nicht in der Schule. Deshalb wird die Schulpflicht abgeschafft. Jeder Schulbesuch entfernt das Kind von der Alltagswelt. Vorübergehend wird dennoch die Gesamtschule der 11- bis 18jährigen eingeführt – um die ÖVP zu ärgern.

§24

Die Republik Reinprechtsdorf stellt die Lebensbaumkreise unter Naturschutz, entfernt aber die unwissenschaftlichen Zuordnungen der einzelnen Bäume zu Charaktermerkmalen. Die Feige ist der Lebensbaum der Republik.

§25

Wer es für möglich hält, dass es einen unverkrampften Patriotismus gibt, muss vom frischgepressten Marmor trinken.

§26

Sobald der Fluss Donau sein Flussbett in das Gebiet der Republik Reinprechtsdorf verlegt, wird die tägliche Linienschifffahrt nach Belgrad wieder aufgenommen.

§27

Sich nackt in den Dornen zu wälzen wie der heilige Benedikt wird in der Republik Reinprechtsdorf nicht als Widerstandshandlung bewertet und für die Pension nicht angerechnet.

§28

Die KatholikInnen auf dem Terrain der Republik Reinprechtsdorf können die Einweihung der Schneekanonen erzwingen, aber für ihren Einsatz ist die Republik zuständig. Der Einsatz von Schneekanonen muss mit einer schriftlichen und beglaubigten Expertise begründet werden. Fällt die Entscheidung zugunsten der Schneekanonen aus, ist die Expertise eine Fälschung.

§29

LehrerInnen können in der Republik Reinprechtsdorf nur Menschen sein, die durch die Ideen wie durch Länder und Städte gehen und die Sprache der Kolibris verstehen.

§30

Die Göttinnen der Republik Reinprechtsdorf sind weiser als Madonna, älter als Stronach, größer als jedes Menschenherz, schöner als das Montafon und sie würden das Praterstadion mehrfach füllen. Niemand kann daher die Göttinnen der Republik Reinprechtsdorf beleidigen.

§31

ReinprechtsdorferInnen pilgern nicht nach Mariazell, Lourdes, Tschenstochau, Fatima und Santiago de Compostela, sondern zum Thomas Bernhard-Bauernhof in Ohlsdorf, nach Reutte auf den Spuren der Dadaisten, zum Kreuzstadel nach Rechnitz, wo die jüdischen Zwangsarbeiter massakriert wurden, und nach Zwentendorf, wo die Atomindustrie besiegt wurde.

§32

Jedem Menschen, ob groß oder klein, steht es frei, zu jedem Zeitpunkt seines Lebens unter hunderten Fähigkeiten auszuwählen und auf öffentliche Kosten darin ausgebildet zu werden.

§33

Ein guter Sommer braucht auch ein paar Tropfen, ein guter Herbst braucht auch ein paar Beerdigungen, ein guter Winter braucht auch ein paar Lawinen und ein guter Herbst braucht auch ein paar Lügen.
§34
Selbst wenn sich herausstellt, dass die Republik Reinprechtsdorf einen Zugang zum Meer hat, darf sie von Kreuzfahrtschiffen nicht angesteuert werden.

§35
Auch für die Republik Reinprechtsdorf muss gelten: Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.

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