„Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr!“

Im Glücksspielgeschäft gilt die Casinos Austria AG mit Beteiligungen an 74 Spieltempeln als heimische Macht. Weniger bekannt ist, dass die Novomatic unter anderem mit der Admiral Sportwetten im Abräumen der Bevölkerung längst die führende Stellung übernommen hat. Die Novomatic-„Philosophie“ besteht darin, Kunden das Geld nicht in Samt und Seide sondern gleich nebenan notfalls in Schlapfen und Unterleiberl abzuknöpfen. Damit ist der Konzern im Stadtbild präsent und ein Akteur seiner Veränderung.
Von Lutz Holzinger

Laut Wikipedia ist die Novomatic Group of Companies ein global agierender Glücksspielkonzern mit Stammsitz in Gumpoldskirchen. Der Konzern betreibt Spielbanken, elektronische Casinos und Sportwettlokale, vermietet Glücksspielgeräte, entwickelt und produziert Spielausstattungen und Spielsysteme. Die Unternehmensgruppe beschäftigte im Jahr 2010 rund 17.000 Mitarbeiter weltweit, davon rund 2.750 in Österreich. Zur Novomatic-Gruppe gehört mit der Admiral Sportwetten GmbH der mit über 200 Standorten filialstärkste Sportwetten-Anbieter Österreichs.

Die Novomatic-Gruppe ist in 73 Staaten weltweit tätig und erreichte damit im Geschäftsjahr 2010 einen Umsatz von 2,7 Mrd. Euro (2009: 2,36 Mrd. Euro), das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) betrug 456 Mio. Euro (2009: 285 Mio. Euro). Firmengründer und Eigentümer Johann F. Graf taucht in den letzten Jahren regelmäßig in der Liste der zehn größten Vermögensbesitzer des Lands auf. Zuletzt wurde er ex equo mit Dietrich Mateschitz von Red Bull gewertet.

Wettcafés sind ein Elend für die Menschheit, wie zahllose Geschichten beweisen – über Lehrlinge, die das ersparte Geld für ein Moped, Schwiegersöhne, die die Abfertigung ihrer Schwiegermütter, und Hochzeiter, die die Aussteuer ihrer Braut verjubelt haben. Deshalb ist es unverständlich, dass Bund, Länder und Gemeinden diese Formen des Glücksspiels legalisieren – und über Abgaben am Elend der Leute partizipieren – statt sie zu verbieten.

Verschuldung: Hohe Dunkelziffer

Was den Sturz in die Verschuldung durch „Einarmige Banditen“ & Co. angeht, ist die Dunkelziffer extrem hoch. Man kann getrost davon ausgehen, dass ein hoher Prozentsatz der derzeit rund 600.00 Privatkonkurse österreichischer Haushalte eng in Zusammenhang mit der Spielsucht steht. Ihr wird allerdings längst nicht mehr nur in betuchten Casinos oder schmierigen Wettcafés sondern auch im Internet gefrönt, was die Kontrolle zusätzlich erschwert. Dass der Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene schon jetzt versagt, signalisiert eine Initiative des Unabhängigen Verwaltungssenats Oberösterreich. Nach jeder Menge Zores mit der Verfolgung der illegalen Aufstellung von Spielautomaten wandte er sich an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, um das heimische Glücksspielgesetzes überhaupt auf seine EU-Konformität prüfen zu lassen.

 Leere Geschäfte

Wer Augen hat zu sehen, dem kann es nicht entgehen, dass in Wien bald jedes Beisl in ein Wettcafé umgewandelt wird. Besonders davon betroffen sind ehemalige Bezirks- und Ortsteil-Hauptstraßen, die aufgrund des Abzugs von Kaufkraft in Einkaufszentren zunehmend veröden. Leere Geschäfte, Billigläden, Handyshops, Nagelstudios – und Wettbüros prägen das Bild. Letztere können dank hoher Einnahmen Mitbewerber, was die Mieten angeht, locker ausstechen. Damit eignen die Spielhöllen sich besonders gut für eine gewinnbringende Zwischennutzung (samt abstoßender Wirkung) der Realitäten bis zu ihrer Gentrifizierung, das heißt Aufwertung für anspruchsvolle und zahlungsfähige Mieter_innen oder Eigentümer, sofern sie innerhalb des Gürtels liegen.

 Spielhölle

Normalerweise ist das ein schleichender Prozess, der den Betroffenen nicht bewusst wird. Anders verhält sich das in Margareten, wo Wolf Jurjans als aufmerksamer KPÖ-Bezirksrat und eine Initiative für die Gründung der „Republik Reinprechtsdorf“ ihr Unwesen treiben. Sie nahmen die Tatsache, dass im Lokal, in dem die ehemalige von der Volkshochschule betriebene und gegen Protest eingestellte Buchhandlung untergebracht war, eine Spielhölle eingerichtet wurde, zum Anlass, um grundsätzlich ein Stopp gegen das weitere Wettcafé-Wuchern zu sagen.

Anfang und Ende

Ein Lokalaugenschein in der Reinprechtsdorfer Straße ergab, dass sich ihr Spielhallen/-höllen-Dichte sehen lassen kann. Auf Nummer 8, gleich unterhalb des Matzleinsdorfer Platzes, prangt ein Wettpunkt. Auf Nummer 12 folgen Interactive Games. Wetten Schwechat ist auf Nummer 18 zu Hause. Auf Nummer 38 und 40 stoßen ein Cash Point und Sportwetten Lipica aneinander. Die Ecke Siebenbrunnengasse wird von Admiral Sportwetten dominiert. Ecke Arbeitergasse gibt es eine Magic Game Zone. Auf Nummer 56 sind erneut Interactive Games platziert. Schließlich folgt auf Nummer 74 – am Ende wie am Anfang der Straße – ein Wettpunkt.

Elfriede Jelinek

Die Logik der Wohnbausteuer, mit der die Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit den Gemeindewohnbau finanziert hat, bestand in ihrer Breite: Nicht nur die Bewohner von Palais, sondern auch von Bassenawohnungen wurden allerdings abgestuft zur Kasse gebeten. Ähnlich sieht das Geschäftsmodell der Wett- und Spielhöllen aus: Umsatz macht nicht die Höhe sondern die Masse der Einsätze. Da kann man nur mit Elfriede Jelinek sagen: „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr!“

Info: Die “Republik Reinprechtsdorf» wird am Samstag, 15. September, Punkt 14 Uhr auf «befreitem» Territorium ausgerufen: Im Innenhof des Augustin, Wien 5, Reinprechtsdorfer Straße 31. Von 11 bis 16 Uhr findet dort der Augustin-Bücherflohmarkt statt, als Protest gegen die Umwandlung der polycollege-Buchhandlung in ein weiteres Wettlokal. Siehe auch : Die Verfassung der Republik Reinprechtsdorf, ein literarischer Entwurf.

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