Podiumsdiskussion: „ Die zerwettete Stadt – Zukunft des Glücksspiels“

Bei der Veranstaltung im Aktionsradius am Gaußplatz am 5. Februar 2013 gab es interessante Diskussionsbeiträge unterschiedlicher Richtungen zur Thematik „kleines Glücksspiel“.

Für die Republik Reinprechtsdorf hat sich bei dieser Veranstaltung die Möglichkeit der Wien weiten Vernetzung ergeben mit Personen und Gruppen, die mit einer ähnlichen Situation konfrontiert sind wie die AnrainerInnen der Reinprechtsdorferstraße.

So wird es in Zukunft einen Austausch mit Betroffenen aus dem 3., 4., 9., 10. und 20. Bezirk geben.

„Mit nur einem Knopfdruck werden ganze Familien zerstört“

sagt Marlene Reisinger von der Sektion 8 und bringt somit das Problem der Spielsucht auf den Punkt. Rund 160.000 Menschen sind pathologische Spieler in Österreich. Darunter leidet auch das soziale Umfeld jedes Spielers. Bis zu 15 Angehörige und Freunde sind von den Lügen und negativen finanziellen Auswirkungen der Spielsüchtigen betroffen.

Am 05. Februar 2013 trafen sich im Aktionsradius am Gaußplatz: Peter Berger, Präsident der Spielsuchthilfe; Elisabeth Gizicki-Merkinger, Spielsuchthilfe; Marlene Reisinger, Sektion 8 SPÖ; Haldis Scheicher, Präsidentin der Republik Reinprechtsdorf und Robert Sommer, Chefredakteur des Augustin um die undurchsichtige gesetzliche Grundlage zur Aufstellung und Betreibung von Glücksspielautomaten, der Situation der Spielsüchtigen und die Auswirkungen auf die Gesellschaft zu diskutieren. Die gesamte Diskussion ist auf Okitalk nachzuhören.

Die Gesetzeslage:

Seit 2010 kämpft die Sektion 8 für das „Verbot des Kleinen Glücksspiels“. Immerhin erreichten sie, dass es ab 01.01.2015 weniger Glücksspielautomaten in Wien geben soll. Die Stadt Wien vergibt keine neue Lizenzen mehr und bestehende werden nicht verlängert. Was aber mit den auf 10 Jahre vergebenen Lizenzen geschieht, die über das Jahr 2015 hinausreichen ist bis heute ungeklärt. Auch Reisinger hat keine Antwort darauf.

2010 wurde das Glücksspielgesetz novelliert. Jedem Bundesland steht es nach § 5 des Glücksspielgesetzes frei zu entscheiden, ob es die Aufstellung von Glücksspielautomaten erlaubt oder nicht. Die Stadt Wien hat beschlossen auf ein eigenes Landesgesetz zu verzichten und somit gilt das Bundesgesetz.

Im § 5 des Glücksspielgesetzes ist geregelt, dass in Automatensalons mindestens 10 aber höchstens 50 Glücksspielautomaten aufgestellt werden dürfen und bei Einzelaufstellungen höchstens drei Glücksspielautomaten. In Wien darf pro 600 Einwohner ein Glücksspielautomat aufgestellt werden.

Spielsüchtig ist man nie alleine“

weiß Peter Berger, der Präsident der Spielsuchthilfe. 2012 „feierte“ man das 30. Jubiläum der ältesten ambulanten Behandlung für Spielsucht in Österreich. Der Verein wurde von einem Betroffenen 1982 gegründet, zu einem Zeitpunkt als selbst in Fachkreisen das Problem der Spielsucht kaum diskutiert wurde. Jetzt kann man offen über die Spielsucht sprechen und es gibt zahlreiche Hilfsangebote: Gruppen- und Einzelberatung, Schuldner- und Angehörigenberatung. Die Spielsüchtigen werden in ambulanter Behandlung – aber auch stationäre Behandlung in Suchtkrankenhäusern (psychiatrischen Klinik) – behandelt.

Aus der langjähriger Praxis weiß Berger, dass Spielsüchtige nur mehr an das Spielen und die Geldbeschaffung denken. Das führt zu einem Verlust von anderen Interessen und sozialen Kontakten. Berger zitiert einen Betroffenen: „Es ist wie wenn am Klavier nur mehr ein Ton gespielt werden kann“ – das Leben engt sich ein.

Berger kennt die Situation der Spielsüchtigen genau, „Es können enorme Stimmungsschwankungen, je nach Gewinn oder Verlust, auftreten und die wirken sich auf die Angehörigen aus. Aber Familienmitglieder erkennen das Problem meist erst spät, dann wenn massive finanzielle Probleme auftreten.“

Acht Monate Haft

Die Schuldnerberaterin Elisabeth Gizicki-Merkinger war mit einem Spielsüchtigen liiert, jahrelang glaubte sie den Versprechungen ihres Mannes, dass er am nächsten Tag zu spielen aufzuhören wird. Bis ihr klar wurde, dass er nicht aufhören wird. Sie ließ sich scheiden. Kurz darauf gründete sie gemeinsam mit vielen Ex-Spielern eine Selbsthilfegruppe, „Anonyme Spieler“ (Tel.: 0660/1236674).

Neben psychotherapeutischer Behandlung, Kriseninterventionen und Schuldnerberatung bietet die Selbsthilfegruppe auch Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung für ehemalige Spieler an. Der Umgang mit Geld ist für viele Spielsüchtige ein großes Problem, zu groß ist die Verführung das Geld in einen Automaten zu stecken. Daher bietet der Verein an, das Geld der Spielsüchtigen zu verwalten. Rund 40 Klienten haben sich inzwischen entschlossen der freiwillige Geldverwaltung zuzustimmen.

Elisabeth Gizicki-Merkinger weiß genau wovon sie spricht. Gerade eben wurde eine junge Mutter von zwei Kindern wegen Diebstahls zu acht Monaten bedingter Haft verurteilt. Die junge Frau hatte bei ihrer Arbeitgeberin Schmuck gestohlen um ihre Spielsucht befriedigen zu können. Gizicki-Merkinger glaubt, dass der jungen Mutter eine Therapie mehr geholfen hätte, als acht Monate Haft.

Leselust statt Spielerfrust

Haldis Scheicher ist Sprecherin der im Sommer 2012 gegründeten Bürgerinitiative Republik Reinprechtsdorf. Ziel ist es weitere Wettlokale auf der Reinprechtsdorferstraße zu verhindern und die Umgebung wieder lebenswert für die Bewohner zu machen.

2010 schloss die letzte Buchhandlung auf der Reinprechtsdorferstraße. Haldis Scheicher rief zu einem Trauermarsch auf und 100 Menschen protestierten in klirrender Kälte gegen die Schließung. Kurz darauf gründete Scheicher die 1. Margaretner Bücherschank am Siebenbrunnenplatz. Jeder Bürger kann hier gratis Bücher eintauschen. In unregelmäßigen Abständen finden Lesungen, Filmaufführungen und Buchpräsentation statt.

Über ein Jahr stand das Geschäftslokal leer. Dann kam die „Hiobs-Botschaft“: Ein neues Wettlokal eröffnete in der ehemaligen Buchhandlung. Scheicher beschloss eine Bürgerinitiative zu gründen: 46 Glücksspielautomaten, 13 Wettlokale im Umkreis von drei Schulen mit rund 2500 Schülern ist wirklich nicht tragbar.

Hauptanliegen der Bürgerinitiative sind nicht nur die Reduzierung der Wettlokale auf der Reinprechtsdorferstraße, sondern auch ein aktiver Jugendschutz. Die BI fordert daher:

  1. Erschwerter Zugang zu den Wettlokalen und Glücksspielautomaten: etwa mit Bankomatkarten.
  2. Ein Werbeverbot für das Glücksspiel.

Aber die Bürgerinitiative engagiert sich auch für Lösungen. Wie kann die Situation verbessert werden? Etwa durch Brainstorming mit Raumplanern, Architekten und Bewohnern der Straße. Eine der ersten Aktionen der Bürgerinitative war „Reinprechtsdorf spielt sich auf“. Anstatt süchtig machender Glücksspiele wurde am Siebenbrunnenplatz ohne Geldeinsatz gespielt.

Advertisements